IGdJ beginnt NFDI4Memory Incubator Funds-Projekt mit Universität und Fachhochschule Erfurt
„Welch ein Jammmer, daß ich den Kindern nicht bestätigen darf, welch unbeschreibliche Freude ihre Päckchen machen & wie nötig sie einem unterernährten Körper sind.“ Diese Zeilen notierte die Hamburger Jüdin Martha Glass am 11. Mai 1943 in ihr Tagebuch während ihrer Haft in Theresienstadt. Aus ihnen sprechen Selbstbehauptung und Freude angesichts des Lebenszeichens von den Kindern, ebenso wie Verzweiflung und Sorgen angesichts der Ungewissheit und der eigenen gesundheitlichen Situation. Ist eine KI in der Lage diese komplexen und ambivalenten Emotionen zu erkennen?
Selbstzeugnisse sind wichtige Quellen zu historischen Ereignissen und geben Einblicke in individuelle Lebens- und Erfahrungswelten. Zeugnisse von im Holocaust Verfolgten sind essenziell für die Forschung, da sie Ereignisse und Perspektiven dokumentieren, die in offiziellen Dokumenten oder Täterberichten nicht oder nur verzerrt vorkommen. Sie sind auch zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur. Gerade angesichts des viel thematisierten Endes der Zeitzeugenschaft und der zuletzt viel diskutierten Suche nach neuen Formen und Bezugspunkten gewinnen autobiografische Zeugnisse eine besondere Bedeutung.
Nachdem bereits seit einigen Jahren KI bei der Vermittlung von Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zum Einsatz kommt, stellt sich auch mit Blick auf die Auswertung von schriftlichen Selbstzeugnissen zunehmend die Frage nach Einfluss und Auswirkung von KI.
Ziel des im Rahmen des Incubator Funds 2026 von NFDI4Memory geförderten Vorhabens ist es, vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von KI-gestützten Analyseverfahren zu einer kritischen Reflexion der Funktionsweisen und Einsatzszenarien im Hinblick auf die Auswertung und Deutung von Selbstzeugnissen zum Holocaust und seiner Nachgeschichte beizutragen. Das Projekt untersucht das Potenzial bestehender Werkzeuge und maschineller Verfahren am Beispiel der Sentimentanalyse sowie emotionsbasierter bzw. emotionsgeschichtlicher Ansätzen, die in der Vermittlungsarbeit wie auch in der Forschung diskutiert werden. Anhand der Tagebücher der Theresienstadt-Überlebenden Martha Glass werden lexikonbasierte Ansätze ebenso wie Verfahren des maschinellen Lernens erprobt und evaluiert, um neue Zugänge für die historische Forschung zu eröffnen. Damit leistet das Projekt wichtige Impulse für eine digitale Quellenkritik und einen reflektierten Einsatz von Methoden und Werkzeugen in der Arbeit mit Selbstzeugnissen. Vorgehensweisen und Ergebnisse des Projekts werden zudem didaktisch für Lehre und Vermittlung aufbereitet.
Das Forschungsvorhaben „Sentimentanalyse zwischen Erkenntnisgewinn und Verfälschung? Eine Fallstudie zu Selbstzeugnissen zum Holocaust und seiner Nachgeschichte“ ist eine Zusammenarbeit des Instituts für die Geschichte der Deutschen Juden und der hochschulübergreifenden Professur für Digital Humanities an der Universität Erfurt und der Fachhochschule Erfurt.
Bild: Martha Glass: Theresienstädter Tagebücher 1943-1945 Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte