Research / Education

Von Andreas Brämer

Wichtigster Forschungsauftrag des Instituts ist die Auswertung der reichen archivalischen Überlieferung zur Geschichte der Hamburger Juden von den Anfängen bis in die Gegenwart. Dies umfasst auch die Erforschung der hier ansässig gewordenen spanischen und portugiesischen Juden sowie die Erschließung der jüdischen Friedhöfe dieser Region. Tatsächlich gehören die jüdischen Religionsgemeinden im Hamburger Raum mittlerweile zu den in der Forschung bestdokumentierten Kehillot im deutschsprachigen Kulturkreis. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts sind einer Vielzahl von Fragestellungen zu diesem Teilbereich deutschjüdischer Vergangenheit nachgegangen. Über solche regionalgeschichtlich ausgerichteten Untersuchungen hinaus widmet sich das Institut aber auch generell der Geschichte, Kultur und Religion des Judentums in Deutschland.

Um der weit verbreiteten Gleichsetzung von jüdischer Geschichte mit passiver Verfolgungsgeschichte entgegenzuwirken, lagen und liegen die Forschungsschwerpunkte nicht nur auf den Jahren der Shoa zwischen 1933 und 1945, sondern auch und vor allem auf der historischen Rekonstruktion deutsch-jüdischer Existenz von der Frühen Neuzeit bis zur Weimarer Republik sowie in der Nachkriegszeit. In zwei Publikationsreihen präsentiert das Institut die Ergebnisse eigener Forschungen sowie die Arbeiten anderer WissenschaftlerInnen aus dem In- und Ausland: In der 1969 gegründeten Reihe „Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden“ liegen zurzeit 30 Monografien, Dokumentationen und Sammelbände vor, in denen sich verschiedene und interdisziplinäre Zugänge zur jüdischen Historiografie abbilden. Seit 1993 existiert zudem die Paperbackedition „Studien zur jüdischen Geschichte„ in der bis dato zehn Bände publiziert worden sind.

Auch die gegenwärtig am Institut durchgeführten Projekte vermitteln einen Eindruck von der thematischen, methodischen und theoretischen Vielfältigkeit der Forschungsansätze. So werden neben den klassischen Feldern der politischen Geschichte sowie der Sozial- und Geistesgeschichte auch die Anregungen der neuen Kulturgeschichte, der Geschlechtergeschichte und der Historischen Anthropologie aufgenommen. Als wichtige Projekte am Institut sind zu nennen:

Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Instituts, schreibt unter anderem an einer Biografie des jüdischen Juristen Hans Litten. Darüber hinaus forscht sie zur Geschichte der nichtzionistischen, deutsch-jüdischen Jugendbewegung „Kameraden“ in der Weimarer Republik. Bislang fehlen Untersuchungen zur Erfahrungswelt der jugendlichen Mitglieder, zu ihren vielfältigen persönlichen Bindungen untereinander oder zu ihrer Verortung in unterschiedlichen intellektuellen und kulturellen Milieus. Durch die Analyse von bisher weitgehend ungenutzten bzw. nie systematisch ausgewerteten Quellen wie Briefbeständen, Autobiografien und Interviews soll diesen Themen nachgegangen werden. Studien zu verschiedenen Einzelaspekten (zu den Geschlechterbeziehungen, zur kommunistisch-jüdischen Identität, zu regionalen Identitäten, zur lebensgeschichtlichen Prägung) liegen bereits vor bzw. werden demnächst erscheinen. Geplant ist neben einer Monografie auch eine größere Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit dem fotografiegeschichtlichen Projekt zur deutschjüdischen Jugendbewegung an der Universität Potsdam realisiert werden soll.

Andreas Brämer widmet sich einer Lebensbeschreibung des letzten Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach, der als Pädagoge und als orthodoxer Rabbiner zu den vielseitigsten Repräsentanten des religiösen deutschen Judentums vor dem Zweiten Weltkrieg gehört, anders als Leo Baeck jedoch bislang noch nicht zum Gegenstand einer kritischen Biografie gemacht worden ist. Das Buch wird voraussichtlich 2007 in der von der ZEITStiftung Ebelin und Gerd Bucerius herausgegebenen Publikationsreihe „Hamburger K.pfe“ erscheinen. Die Forschungen werden ebenfalls aus Mitteln der ZEIT-Stiftung sowie der Hamburger Behörde für Wissenschaft und Gesundheit gefördert. Kirsten Heinsohn hat ein neues Forschungsprojekt konzipiert, das Ansätze der Briefforschung mit deutsch-jüdischer Geschichte verbindet. Das Projekt trägt den Arbeitstitel: „Emigration – Zeitdeutung – Zeitgeschichte. Eva G. Reichmann und Käte Hamburger“ und hat zwei Problemkreise deutsch-jüdischer Geschichte zum Inhalt: Zum einen wird der Selbstbeschreibung und dem Selbstverständnis zweier intellektueller Frauen im Spannungsfeld zwischen Emigration aus Deutschland und möglicher Rückkehr in das Land der Täter nachgegangen. Als zweites Thema ist der Zusammenhang zwischen dem Erlebten und der daraus folgenden Zeitdeutung vorgesehen. Beide Komplexe sollen beispielhaft an den Lebenswegen der Wissenschaftlerinnen Käte Hamburger (1896–1992) und Eva G. Reichmann (1897–1998) bearbeitet werden. Bezug nehmend auf die Ergebnisse der Exil- und Remigrationsforschung sowie auf Arbeiten zur „deutsch-jüdischen Identität“ geht es darum, das individuelle Verarbeiten der beiden Frauen aus dem Kontext ihrer Selbstdarstellungen und Briefwechsel sowie ihrer wissenschaftlichen Beiträge zu untersuchen. Dieses Projekt ist Teilantrag für eine geplante DFG-Forschergruppe an der Freien Universität Berlin, die unter der Gesamtleitung von Prof. Dr. Irmela von der Lühe stehen soll.

Beate Meyer bearbeitet das von der DFG geförderte Projekt „Ein deutscher Judenrat? Die  Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RVJD) und die Deportationen der Juden aus dem ›Altreich‹“. Es geht um eine problemorientierte Untersuchung insbesondere der Rolle, die der Organisation und ihren Repräsentanten bei der Vertreibung und Deportation der Juden aus dem „Altreich“ zugewiesen wurde. Die Monografie, die zurzeit entsteht, wird sich mit drei Phasen der Tätigkeit befassen: Sie beginnt mit der Phase der forcierten Auswanderung (1939–1941), während der die Interessen von RVJD und Gestapo keineswegs deckungsgleich, aber doch noch kompatibel waren; sie befasst sich dann mit der Einbeziehung der Organisation in das Deportationsgeschehen (1941–1943) und untersucht schließlich die Aktivitäten der Vertrauensmänner der Rest-RVJD (1943–1945). Es geht vor allem um die noch vorhandenen Handlungsspielräume, die Absichten und Strategien, die die jüdischen Funktionäre im Umgang mit der „Aufsichtsbehörde“ (RSHA/Gestapo) entwickelten. In Fortführung der zweibändigen Dokumentation über Die Juden in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik setzt Ina Lorenz zusammen mit dem Juristen und Historiker Jörg Berkemann die Arbeit an dem langjährigen Forschungsprojekt „Die Juden in Hamburg im NS-Staat“ (Teil 1 der Zeitraum 1933–1938 und Teil 2 der Zeitraum 1939–1943/1945) fort. Im Rahmen einer hamburgischen und norddeutschen Regionalgeschichte der Juden wird in einer ausführlichen Einführung der Versuch unternommen, exemplarisch das Leben in einer bedeutenden jüdischen Großgemeinde im NS-Staat zu analysieren. Auf Lokal- und Regionalebene wird die alle Bereiche erfassende nationalsozialistische Judenverfolgung ebenso zum Gegenstand der Untersuchung gemacht wie die zunehmend eingeengten Handlungsspielräume einer in den ersten Jahren der NS-Herrschaft gut funktionierenden Gemeindeorganisation. Die regionale Fallstudie versucht das spezifische Profil der NS-Judenpolitik in Hamburg gegenüber der jüdischen Minderheit heraus zu arbeiten und insgesamt ein facettenreiches Gesamtbild zu entwickeln.

Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden hat zudem ein weiteres Drittmittelprojekt eingeworben: Für den gemeinsam mit der Universität Erfurt (Prof. Andreas Gotzmann) eingereichten Antrag „Gelehrsamkeit und Recht: Das Aschkenasische Rabbinat im Deutschland der Frühen Neuzeit (1648–1806)“ wurden von der Gerda-Henkel-Stiftung Personal- sowie Reise- und Sachkosten bewilligt. Die Bearbeiterin Monika Preuߨ beschäftigt sich mit einem wichtigen Teilaspekt des Rabbinats. Die jüdische Gesellschaft in der Vormoderne wird immer noch gerne als eine Gesellschaft religiös gebildeter Männer verstanden. Da hierbei das religiöse Ideal für die gesellschaftliche Wirklichkeit genommen wird, ist das Forschungsprojekt der Frage gewidmet, wer überhaupt ein über elementare Grundkenntnisse hinausreichendes Wissen erwarb und welche Gesellschaftliche Funktion diese jüdischen Gelehrten in der vormodernen Gesellschaft erfüllten. Das Interesse gilt dabei nicht Gemeinderabbinern, deren Funktion sich aus der teilweisen juristischen Autonomie der vormodernen jüdischen Gesellschaft ergibt. Vielmehr werden Gelehrte, die sich in Lehrhausstiftungen dem Studium widmen konnten, in den Blick genommen.

Am Beispiel der Lehrhausstiftungen in Altona, Hamburg, Mannheim und Fürth werden Stiftungsziele und -zweck, die Ausbildung und Auswahl des Personals sowie deren Wirken innerhalb und außerhalb der Stiftungen untersucht. Indem der Blick vom Zentrum, den als Gemeinderabbinern tätigen Gelehrten, an die Peripherie gelenkt wird, sollen die gesellschaftlichen Erwartungen und der erhoffte gesellschaftliche Nutzen, den die vormoderne jüdische Gesellschaft sich von ihren Gelehrten versprach, herausgearbeitet werden.

Jutta Braden hat ein Forschungsprojekt konzipiert, das von der Fritz-Thyssen-Stiftung gefördert und gemeinsam mit dem Historischen Seminar der Universit.t Hamburg (Prof. Franklin Kopitzsch) durchgeführt wird. Gegenstand des Projektes (Arbeitstitel: Von der ›Edzardischen Jüdischen Proselytenanstalt‹ zur ›Edzardi-Stiftung‹. Jüdisch-christliche Beziehungen, Juden und Konvertiten aus dem Judentum im Spiegel einer Hamburger Stiftung für Judenmission vom 17. bis zum 20. Jahrhundert) ist eine 1667 in Hamburg von dem Orientalisten Esdras Edzardus gegründete und bis heute existente judenmissionarische Stiftung. Im Mittelpunkt steht die mehr als 400-jährige Geschichte der Stiftung, die ihren Ursprung in der christlichen Judenmissionstheologie und damit in einer für die jüdisch-christlichen Beziehungen konstitutiven, judenfeindlichen Ideologie hatte. Dabei sollen die Konversionen im Umkreis der Stiftung als Grenzüberschreitungen auch in sozialer Hinsicht vor allem auf ihre Aussagekraft über bislang wenig bekannte Zustände und Gegebenheiten in den Randbereichen der jüdischen Gemeinschaft befragt werden. Die von 1667 bis 1973 überlieferten Stiftungsarchivalien im Hamburger Staatsarchiv ermöglichen eine langfristige Untersuchungsperspektive, in der sich Kontinuitäten, Wandlungen und Brüche in der deutsch-jüdischen Geschichte beispielhaft veranschaulichen lassen.

Als freier Mitarbeiter des Instituts beschäftigt sich Michael Studemund-Halävy mit der Rekonstruktion der Bibliothek des Hamburger Rabbiners, Lehrers und Gelehrten Semuel de Isaac Abas (1634–1691). Diese Büchersammlung gehört mit ihren über 1.100 Büchern und Zeitschriften in hebräischer, lateinischer, spanischer, portugiesischer, französischer, italienischer und holländischer Sprache zu den größten und bedeutendsten sefardischen Gelehrtenbibliotheken des 17. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu seinen aschkenasischen Rabbinerkollegen, in deren Bibliotheken vor allem Hebraica und Talmudica zu finden sind, sammelte Semuel Abas auch die klassische Literatur der Antike, die Hauptwerke der spanischen, portugiesischen, italienischen und franz.sischen Literatur sowie vor allem Schriften zur Astronomie, Alchimie, Kabbala und Reisebeschreibungen. Einen großen Umfang nehmen Lexika zahlreicher europäischer Sprachen ein, Bücher über Medizin und Pädagogik sowie sefardische Drucke aus Hamburg und Amsterdam. 1693 wurde die Bibliothek in Amsterdam versteigert, der Verkaufskatalog, der lange Zeit als verschollen galt, wurde vor einigen Jahren in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel aufgefunden.

Im Rahmen der Rekonstruktion soll es auch darum gehen aufzuzeigen, welche Bücher in den sefardischen Gemeinden des 17. Jahrhunderts gelesen und diskutiert wurden, und Hinweise zu liefern, von wem ein Sammler wie Semuel Abas diese Bücher beziehen konnte. Das Projekt wird von der Behörde für wissenschaft und Gesundheit der Stadt Hamburg gefördert. Im Vordergrund der Institutsarbeit steht neben den Forschungen die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Als Beschäftigte einer  außeruniversitären Forschungseinrichtung lehren die WissenschaftlerInnen regelmäßig am Historischen Seminar der „befreundeten“ Universität Hamburg, wo sie auch Kolloquien veranstalten, Studierende beraten, Staatsexamens-, Magister- und Doktorarbeiten betreuen sowie Prüfungen abnehmen. Das Institut pflegt und fördert den Kontakt zur Jüdischen Gemeinde Hamburg sowie zum Verein Ehemaliger Hamburger, Bremer und Lübecker in Israel. Die Vernetzung des Instituts in der (inter)nationalen Forschungslandschaft erfolgt zudem über die Veranstaltung von Konferenzen, Kolloquien, Filmreihen und Gastvorträgen in enger Zusammenarbeit mit KollegInnen an wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Italien, England, Israel, Kanada und den USA.

Zurzeit befindet sich Jacob Barnai, Dekan der Historischen Fakultät an der Universität Haifa, auf Einladung des Instituts in Hamburg, um während eines achtmonatigen Aufenthalts als Gastwissenschaftler zur Sozialgeschichte des Sabbatianismus im Hamburger Judentum zu forschen.