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02.03.2020

Zum Tode von Avraham Barkai

 

Durch seine langjährige Freundschaft zu dessen früherer Leiterin Monika Richarz, durch Buchpräsentationen und Vorträgen bei Tagungen und die kollegiale Freundschaft zu der Verfasserin dieser Zeilen und zu Björn Siegel, die ihn mehrmals in seinem Kibbuz besuchten, als er die weite Reise nach Hamburg nicht mehr antreten konnte.

Auf dem Foto: Beate Meyer Avraham Barkai und Björn Siegel

Sein „Institute Barkai“ dort, wie Freunde scherzhaft die Baracke nannten, die er als Schreib- und Studierstube benutzte, war schon einige Jahre geschlossen. Besuchern hatte er gern die Stellungen der Syrer im 7-Tage-Krieg gezeigt, 50 m oberhalb des Kibbuz in Sichtweite seines Fensters, und auch die ebenfalls sichtbaren Erdbunker, in denen die Kibbuzniks Schutz suchen konnten. Doch das „Institute“ ist schon einige Jahre geschlossen, seine Materialien und Bücher sind Yad Vashem überlassen, wohin er in früheren Jahren regelmäßig per Flugzeug anreiste, als die kleine Inlandslinie noch existierte. Dort arbeitete er an größeren Projekten mit.

Gesundheitlich bereits beeinträchtigt, hatte er sich 2013 noch ein Altersprojekt vorgenommen, das er nicht mehr beenden konnte: Er übersetzte die Briefe seines Freundes und Kibbuz-Mitglieds Heini Bornstein ins Hebräische und kommentierte deren Inhalte. Heini hatte von der Schweiz aus als Neunzehnjähriger „Schomer Hatzairnik“ von 1940 bis 1945 brieflichen Kontakt mit den Bundeskameraden in den von Deutschland besetzten Ländern gehalten und umfangsreiche Hilfsaktionen initiiert, um sie mit Lebensmitteln, falschen Papiere und Geld zu unterstützen. Ein Schlaganfall, Erblindung, ein Sturz verhinderten, dass Avraham Barkai dieses Projekt, das ihm so wichtig war, noch abschließen konnte.

Avraham Barkai, in Berlin gebürtig, galt als russischer Jude. Dieses Land hatte er allerdings nie gesehen, dessen Sprache verstand er nicht. Er wuchs in einem religiös-orthodoxen Elternhaus im Berliner Scheunenviertel auf. Schon als Jugendlicher wandte er sich allerdings von den Grundsätzen des Elternhauses ab. 1938 ging er als Siebzehnjähriger nach Palästina und schloss sich der Kibbuz-Bewegung an, Obstanbau und Marxismus-Leninismus bestimmten nun sein Leben, unterbrochen durch eine dreijährige Tätigkeit für den Haschomer Hatzair in der Schweiz. Seine Frau „Schuschke“, die er im Kibbuz kennengelernt hatte, begleitete ihn. Das Paar bekam drei Töchter. Als Student ohne Abschluss – er hatte in Deutschland kein Abitur mehr ablegen können - begann Avraham Barkai 1963 mit einer Sondererlaubnis, an der Hebrew University Geschichte und Volkswirtschaft zu studieren. Sein Stipendium dafür verwandte er darauf, dem Kibbuz einen Ersatzverantwortlichen für die Orangenplantage zu finanzieren.

Für seine Doktorarbeit über das nationalsozialistische Wirtschaftssystem knüpfte er in den 1970er Jahren Kontakte zu Historikern wie Martin Broszat, Begegnungen, die bei ihm oft zwiespältige Gefühle hinterließen, denn die deutschen Kollegen signalisierten, dass sie sein Vorhaben als „völligen Blödsinn“ einstuften. Als hilfreich dagegen empfand er die Unterstützung durch Werner Jochmann, den Leiter der damaligen Forschungsstelle für die Geschichte des NS in Hamburg. Aus dieser Zeit resultierte auch seine Verbundenheit zu deren Mitarbeiterin Ursula Büttner, die lange anhielt. Barkais Arbeit, 1977 als Promotion angenommen, erschien 1988 auf deutsch unter dem Titel „Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik 1933–1945“. Sie fand erst Jahre später, als das ökonomische System des Nationalsozialismus in den Fokus der Forschung rückte, gebührende Beachtung. Hingegen passte Barkais Studie „Wehr Dich! Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1893–1938“, die er 2002 veröffentlichte, besser in die Forschungslandschaft und wurde sofort breit rezipiert. Besonders bemerkenswert an diesem Werk ist, dass Barkai, der durch seine Zugehörigkeit zum Haschomer Hatzair einer linken innerjüdischen Strömung angehörte, hier dem viel größeren, bürgerlich-liberalen Konkurrenten historische Gerechtigkeit widerfahren ließ.

Neben diesen beiden großen Werken verzeichnen die Bibliothekskataloge zahlreiche Aufsätze, Monographien und Mitautorenschaften, wie die bei der „Deutsch-jüdischen Geschichte in der Neuzeit“, publiziert 2000, in der er den Teil „Aufbruch und Zerstörung“ über die Jahre 1918–1945 verfasste. Trotz der Beachtung und weltweiten Anerkennung, die seine Studien fanden, bemühte sich Avraham Barkai nicht um eine Professur oder leitende Stellung in einer Forschungseinrichtung, sondern blieb in seinem Kibbuz und wahrte seine Unabhängigkeit.

Wie hilfsbereit Avraham Barkai sich stets verhielt, ist so manchen Danksagungen in den Büchern anderer Historiker/Historikerinnen zu entnehmen. Für die Monographie der Verfasserin zur „Tödlichen Gratwanderung“ der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland nahm er die Rolle eines „first readers“ sehr ernst und gewissenhaft wahr und erhob stets mahnend den Finger, wenn er Anklänge an Hannah Arendts Thesen zu den Judenräten vermutete – ohne aber auf Änderung solcher Passagen zu insistieren. Umgekehrt erwies es sich als sehr viel schwieriger, die Entstehung seiner Biographie zu begleiten: Der alte Funktionär des Hashomer Hatzair wollte zwar sein Leben darstellen, aber ohne sich darin als „Ich“ in den Vordergrund zu drängen, wie er es empfand. Es kostete einige Mühen von uns lesenden Kollegen/Kolleginnen, ihn durch beharrliches Nachfragen und Drängen zur jetzigen Gestalt der Memoiren „Erlebtes und Gedachtes: Erinnerungen eines unabhängigen Historikers“ (2011) zu ermutigen.

Abraham Barkai war nicht nur auch dem Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden über Jahrzehnte verbunden. Auch mit Werner Jochmann, Ursula Büttner und Frank Bajohr von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg pflegte er eine kollegiale Freundschaft. Wir haben ihn in all den Jahren als einen Kollegen erlebt, dem Hierarchien und Status viel weniger als Inhalte galten, der stets neugierig auf neue Forschungen und Erkenntnisse war, Anteil an deren Entstehungsprozess nahm und sich freute, die Ergebnisse mit diskutieren zu können, und der sich dabei durch seinen ganz eigenen verschmitzten Humor auszeichnete. Er wird uns fehlen.

Beate Meyer

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