Rekonstruktion einer sefardischen Rabbinerbibliothek des 17. Jahrhunderts

Michael Studemund-Halévy

Hamburger jüdische Bibliotheken, die ab der Mitte des 17. Jahrhunderts unter dem Gesichtspunkt der Bibliophilie zusammengestellt wurden, geben uns ein faszinierendes Bild von der Gelehrsamkeit der Sefarden in jüdischen und nicht ‐ jüdischen Disziplinen, aber auch Einblick in das Leseverhalten der Mitglieder der Portugiesisch ‐ Jüdischen Gemeinde. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Privatbibliothek des Hamburger Rabbiners, Gelehrten, Übersetzers, Lehrers und Gemeindevorstands Semuel de Isaac Abas (gest. 1691). Mit seinen 1186 Titeln nimmt der Katalog „Catalogus Variorum atque Insignium in quavis Facultate & Lingua, Librorum“ der (heute in alle Welt zerstreuten) Privatbibliothek allein schon wegen seines Umfangs eine einzigartige Stellung innerhalb der sefardischen Gelehrten ‐  und Rabbinerbibliotheken des 17. Jahrhunderts ein.

Eine genaue Analyse dieser einzigartigen Bibliothek könnte nicht nur Aufschluss geben über die Gelehrsamkeit und das Sammlergeschick des Sammlers, über die Bedeutung der Buchkultur in der jüdischen Gesellschaft Hamburgs und der jüdischen Erziehung, sondern vor allem auch über den literarischen Geschmack und das wissenschaftliche Interesse der Hamburger Portugiesen, über die Verbreitung und Wertschätzung der iberischen Kultur nach der Vertreibung der Juden bzw. Marranen aus Portugal und Spanien, über ihr Wissen in der hebräischen, der klassischen und der iberischen Sprachen sowie des Französischen und Italienischen. Und darüber hinaus würde sie unsere Kenntnis erweitern helfen, in welchem Ausmaße die Hamburger Portugiesen Kenntnis nicht nur von der katholischen Kultur Iberiens, sondern auch von der protestantischen Hamburgs hatten, und mit welchen christlichen Theologen sie in Verbindung standen.

Ziel der Rekonstruktion ist es, jeden der 1186 Titel bibliographisch zu beschreiben, ihn in den Bücherverzeichnissen Hamburger und Amsterdamer Gelehrten ‐ , Gemeinde ‐  und Privatbibliotheken aufzuspüren sowie an Hand von (meist holländischen) Verkaufskatalogen nachzuweisen, das nahezu jeder Titel in Hamburg käuflich zu erwerben war. Das Projekt wird im Herbst 2009 abgeschlossen sein.   

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