NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ

Susanne Küther / Jörn Kreuzer

Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden führte im Rahmen des Projekts "NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ" umfangreiche Recherchen nach NS-Raubgut in seinen Buchbeständen durch. Das Projekt wurde im Zeitraum vom 1. September 2013 bis zum 31. August 2016 von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (bis 31.12.2014 Arbeitsstelle für Provenienzforschung) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert. Daran schloss sich vom 1. September 2016 bis 31. August 2017 das Projekt „Digitalisierung und Veröffentlichung von NS-Raubgut-Forschungsergebnissen“ an, das ebenfalls von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gefördert wurde.

Im Rahmen unseres Projekts „NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ“ traten 945 verdächtige Provenienzhinweise auf, die auf NS-Raubgut oder NS-Beutegut hingedeutet haben. Im Zuge unserer Nachforschungen konnten wir rund 200 Bücher als NS-Raubgut identifizieren. In den wenigsten NS-Raubgutfällen gelang uns die Ermittlung von Eigentümern oder Erben, was angesichts der Menge an Provenienzhinweisen eine Zeitfrage war. Dem Großteil der als unspezifisch kategorisierten Bücher fehlt es schlicht an eindeutigen Hinweisen auf NS-Raubgut. Oft handelt es sich dabei um Widmungen oder Notizen, die lediglich aus Vor- und/oder Nachnamen bestehen.

Mit einer Präsentation unserer Ergebnisse in der Looted Cultural Arts Datenbank erhoffen wir uns zum einen die Klärung möglicher NS-Raubgutfälle und die Kontaktaufnahme zu Eigentümern oder Erben. Zum anderen sehen wir darin die Chance, unsere Ergebnisse nachhaltig für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies gilt insbesondere für jene Provenienzhinweise, bei denen nach unseren Recherchen ein Verdacht auf NS-Raubgut ausgeschlossen werden konnte. Für diese Nicht-Raubgut-Fälle ist die Lost Art Datenbank explizit nicht vorgesehen. Außerdem wollen wir in überregionaler Zusammenarbeit mit der FU Berlin, der Universität Potsdam, der Bibliothek der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und weiteren Einrichtungen unsere in den letzten Jahren erworbene Expertise einbringen und weitere Provenienzforschungsprojekte unterstützen.

NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ – das Beispiel Dr. Erwin Rawicz

Das Buch „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates“ (Ismar Elbogen, 1920), das einen bemerkenswerten Weg in die Bibliothek des IGdJ zurückgelegt hat. Dr. Erwin Rawicz (1897-1981), der in Berlin als Anwalt arbeitete, stempelte seinen Namen in den hinteren Teil des Buches.

Der Familie Rawicz gelang im Oktober 1938 die Flucht in die USA. Im Jahr 1941 ließ die Hamburger Gestapo die im Hafen lagernden Umzugscontainer der Familie aufbrechen und durch die Firma Wilhelm Wehling versteigern. Die Staats- und  Universitätsbibliothek Hamburg (SUB) wurde dabei großzügig mit Buchgeschenken bedacht.

 Im Buch selbst ist noch die Zugangsnummer der SUB zu erkennen (Zugangsnummer: 1941/7776).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Buch an das „Institut für Auswärtige Politik Hamburg“ (Zugangsnummer: 1954/913) abgegeben, das 1973 in „Institut für Internationale Angelegenheiten der Universität Hamburg“ (IFIA) umbenannt wurde.

2003 kam das Buch schließlich als Geschenk des IFIA in den Buchbestand des IGdJ. Die Suche nach Erben blieb bislang erfolglos.

 

 

Im Rahmen des 104. Bibliothekartages (2. bis 6. Juni 2014) wurde Herr Kreuzer von Radio Bremen zu NS-Raubgut und Victor Armhaus interviewt. Das Gespräch können Sie hier nachhören:

Jörn Kreuzer über NS-Raubgut in Bibliotheken

Bildquellen: IGdJ

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