Glaubenswissenschaft? – Wissenschaft des Judentums im 19. Jahrhundert zwischen konfessioneller Theologie und empirischer Forschung

PD Dr. Andreas Brämer

1818 gilt vielen als das Geburtsjahr der modernen Wissenschaft des Judentums, die sich mithin zu einer Zeit konstituierte, als sich auch die Geisteswissenschaften insgesamt als historische Disziplinen ausrichteten. ‚Etwas über die rabbinische Literatur‘ lautet der Titel einer kleinen Broschüre, mit der der junge Leopold Zunz in diesem Jahr an die Öffentlichkeit trat. In diesem programmatischen Text entwarf der Autor die Umrisse einer Forschungsagenda, die seither Generationen von Wissenschaftlern als Inspiration ihrer eigenen Arbeit gedient hat. Hatte die traditionelle Auslegungsliteratur das Judentum als allerdings in Details anpassungsfähiges, aber im Grunde unveränderliches System präsentiert, beschrieb Zunz das Judentum als ausnahmslos Gewordenes, d.h. in der und durch die Geschichte verändertes bzw. sich ständig veränderndes Phänomen, dem man sich deshalb auch nicht auf dem überlieferten Weg der Textexegese, sondern mit dem methodischen Rüstzeug der Quellenkritik nähern müsse.

In diesem Zusammenhang stellte er zudem die seither vielfach zitierte Maxime auf, dass „die ganze Literatur der Juden, in ihrem grössten Umfange, als Gegenstand der Forschung aufgestellt [werden müsse], ohne uns darum zu kümmern, ob ihr sämmtlicher Inhalt auch Norm für unser eigenes Urtheilen sein soll oder kann“. Doch während des 19. Jahrhunderts entfaltete sich eine moderne jüdische Forschung, die dieser Parole nicht immer, ja im Grunde genommen nur selten gerecht wurde. Unbeschadet des Einflusses, den Zunz als Meisterdenker der Wissenschaft des Judentums ausgübt hat, entwickelte sich diese also durchaus nicht als „unabhängig von jüdischen Bindungen zu betreibende, säkulare Disziplin“. Diese Beobachtung, dass sich die Wissenschaft des Judentums in einem Spannungsfeld zwischen ergebnisoffenem Erkenntnisstreben und systematisch-normativen Ansprüchen der Religionsgemeinschaft verortete, soll Ausgangspunkt des hier skizzierten Projektantrags sein, mit dem ich mich als Fellow bewerbe.

Dass ein Großteil der auf dem Gebiet der Wissenschaft des Judentums Forschenden entweder als Rabbiner ein religiöses Amt bekleideten oder auf dem Gebiet der Rabbinerausbildung tätig waren, d.h. als Dozenten an den modernen jüdischen Seminaren unterrichteten, die seit den 1850er Jahren in Deutschland entstanden, ist eine Beobachtung, der die Historiographie noch mehr Aufmerksamkeit zuwenden muss. Die Wissenschaft des Judentums als bekenntnisgebundene Wissenschaft zeichnete sich aus durch ihren Bezug auf eine göttliche Offenbarung, in den Seminaren aber auch durch das praktische und öffentliche Interesse, eine Funktionselite auszubilden, die die überlieferten jüdisch-religiösen Gehalte vernünftig zu übersetzen und zu kommunizieren verstand. Eine konsequente Trennung zwischen den Begriffen ‚jüdische Theologie‘ und ‚Wissenschaft des Judentums‘ fand deshalb häufig nicht statt, wie sich etwa anhand der Positionen von Abraham Geiger und Zacharias Frankel nachweisen lässt. Weder der eine noch der andere betrieb eine von metaphysischen Grundannahmen freie Forschung. Während Geiger Theologie und Wissenschaft mitunter gleichsetzte, sprach Frankel ausdrücklich von einer Glaubenswissenschaft, die trotz seiner Vorbehalte gegen ein dogmatisch fixiertes Judentum nicht völlig ohne Glaubensgrundsätze als zentralen Bezugspunkt auskam. Frömmigkeit galt ihm zugleich als Voraussetzung, Wegweiser und Ziel der eigenen wissenschaftlichen Forschung.

Innerhalb des religiösen Judentums verliefen unterschiedliche Konfliktlinien. Während die Neo-Orthodoxie ihre empirische Forschung, soweit sie eine solche überhaupt zuließ, als Wissenschaft von Gott mit verbindlichen apriorischen Lehrsätzen konzipierte, die vor allem den kritischen Zugriff auf die heiligen Texte (Bibel und Talmud) streng reglementierten, gestalteten die Vertreter der progressiven Strömungen Wissenschaft des Judentums eher als eine normativ orientierte Kulturwissenschaft des Judentums. Aber auch zwischen dem Reform- und dem positiv-historischen Judentum herrschte Uneinigkeit darüber, wie weit eine kritische Selbstbetrachtung jüdischer Kultur und Religion gehen durfte. In meinem Projekt soll deshalb die Frage danach, wie die Theologie in die Wissenschaft des Judentums hineinwirkte, im Zentrum stehen. Es geht also darum, die jüdische Religion nicht nur als objektiven, sondern auch als subjektiven Referenzrahmen der Wissenschaft des Judentums im Kontext der deutsch-jüdischen Geschichte im 19. Jahrhundert zu analysieren. Dabei wird zunächst der Frage nachzugehen sein, ob die folgenden Grundannahmen einer systematischen Überprüfung standhalten:

  • Die Offenbarungsfrage bezeichnete eine Kernfrage der jüdischen Theologie im 19. Jahrhundert und konnte daher auch von der Wissenschaft des Judentums nicht ignoriert werden.
  • Die Wissenschaft des Judentums konnte die religiöse Praxis nur umdeuten, indem sie den Offenbarungszusammenhang der heiligen Texte neu auslegte.
  • Der Offenbarungsglaube bzw. eine apriorische dogmatische Grundhaltung lenkte das Erkenntnisinteresse der Forschenden.
  • Der Offenbarungsglaube bzw. eine apriorische dogmatische Grundhaltung spiegelte sich vielfach in den Forschungsergebnissen wider, oder, anders formuliert: Die Wissenschaft des Judentums zielte häufig darauf, den eigenen theologischen Standpunkt empirisch zu untermauern. In diesen Fällen erlaubt die Forschung Rückschlüsse auf den theologischen Standort.
  • Die Wissenschaft des Judentums diente zudem als Vehikel, um religiösen Weltbildern Verbreitung zu verschaffen.
  • Der Polemik gegen die bzw. die Kontroversen innerhalb der Wissenschaft des Judentums berühren im Kern auch immer den Streit über unterschiedliche theologische Apriori.
  • Die Wissenschaft des Judentums präsentierte sich mitunter auch als counter history, die sich dann nicht gegen christliche Altertumswissenschaft und Theologie wandte, sondern auf innerjüdische Gegner und deren Credo zielte.
  • Es ging der Wissenschaft des Judentums gemeinhin nicht darum, dem Judentum ein „ehrenvolles Begräbnis“ zu bereiten, sondern um eine defensive Modernisierung, d.h. die von der Forschung gestützte Umgestaltung der religiösen Praxis zielte auf die Bewahrung von religiöser Eigenheit.

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