Die „Schächtfrage“ in Deutschland 1945 bis 2015

PD Dr. Andreas Brämer

Wer die Literatur zur deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte zur Hand nimmt, wird feststellen, dass der Antisemitismus nicht mit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus von der Bildfläche verschwunden war, sondern auch den ohnehin schwierigen Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden als soziale und religiöse Körperschaften zusätzlich erschwerte. Umso überraschender mag es erscheinen, dass die zeitgeschichtliche Forschung die Diskussionen um die rituelle Schlachtpraxis der Juden vollständig ausgeblendet hat, obwohl die in Deutschland traditonell starke Antischächtbewegung bereits kurz nach 1945 erneut an Fahrt aufnahm und bis in die Gegenwart immer wieder Versuche unternommen hat, die jüdischen Speisegesetze sowohl zeitlich (mittelalterlich) als auch geographisch (asiatisch) als deplatzierte, weil inhumane und tierquälerische Frömmigkeitspraxis zu beschreiben.

Anknüpfend an diese Beobachtung, die sich auf ein umfangreiches Corpus von im Druck publizierten, archivalischen und im Internet zugänglichen Dokumente stützen kann, soll es Ziel des Projekts sein, die nichtjüdischen Bemühungen um ein Schächtverbot im historischen Verlauf zu beschreiben, zugleich aber die Argumentations- und Handlungsspielräume der in Deutschland beheimateten Jüdinnen und Juden zwischen Tierschutz und Religionsfreiheit in den Blick zu nehmen. Dabei wird auch der Tatsache Rechnung zu tragen sein, dass die Diskussionen um das Thema ‚betäubungsloses Schlachten‘ mit der Zuwanderung von Muslimen vornehmlich aus der Türkei eine neue, partiell islamfeindliche Aufladung erhalten haben, während die jüdischen Deutschen mehr und mehr in den Hintergrund rücken, obwohl auch ihre religiöse Tradition weiterhin implizit oder explizit in der Kritik steht.

Das in der zweiten Jahreshälfte 2013 begonnene und zunächst bis 2016 terminierte Projekt soll in eine Publikation münden.

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