Die Geschichte des ‚positiv-historischen’ Judentums zwischen Orthodoxie und Reform in Deutschland (1840 bis 1912)

Dr. Margit Schad

Die Geschichte des religiösen Judentums in Deutschland ist ebenso wie die Religionsgeschichte des deutschen Judentums der Neuzeit immer noch nicht ausreichend erforscht. Dabei spiegelt die mit Aufklärung und Emanzipation einsetzende religiöse Pluralisierung und Differenzierung wie kaum ein anderes Phänomen die Innenseite des viel diskutierten Modernisie ‐ rungsprozesses des deutschen Judentums. Insbesondere ist das ‚positiv ‐ historische’ Judentum, wie es sich Mitte des 19. Jahrhunderts als Alternative zu Reformbewegung und Orthodoxie herausbildete und positionierte, ein dringendes Desiderat der Forschung. Diese aufs engste mit der Wissenschaft des Judentums verbundene religiöse Richtung betonte die Autorität der Tradition und den Entwicklungsgedanken gleichermaßen. In ihrem historischen Bewusstsein von Klal Jisrael, der Gesamtheit und Gemeinschaft aller Juden, sprach sie sich für ‚besonnene’ Reformen aus und lehnte alle die Veränderungen ab, die den national ‐ religiösen Zusammenhang zu gefährden schienen und das ‚Wesen’ des Judentums zu ‚verfälschen’ drohten. Aus dieser vagen Position ergab sich eine Bandbreite an Meinungen und Positionen, die Berührungspunkte sowohl mit den gemäßigten Kräften der modernen Orthodoxie als auch der Reformbewegung aufwiesen.

Das Projekt setzt sich zum Ziel, die Geschichte der ‚mittleren’ Strömung im deutschen Judentum, seine Herausbildung, Verbreitung, Entwicklung und Organisierung, die Geschichte seiner Ideen, Programme und Praxis herauszuarbeiten. Von besonderem Interesse sind hier die in den Gemeindearchiven dokumentierten Auseinandersetzungen um die Reform von Gottesdienst und Religionsunterricht, rabbinische Gutachten zu Kultus und religiöser Praxis, Synagogen ‐  und Gebetordnungen, Gebetbücher, Predigten, Aufsätze und Streitschriften sowie die der ‚mittleren’ Strömung zuzurechnenden Zeitschriften. War in den ersten Jahrzehnten der Entwicklung der ‚mittleren’ Strömung die Reformbewegung ein wichtiger und zugleich schwieriger Gegner, so nahm Ende des 19. Jahrhunderts die Austrittsorthodoxie diese Stelle ein. Ein großer Teil der Absolventen des Breslauer Jüdisch ‐ theologischen Seminars, der wichtigsten Institution der ‚positiv ‐ historischen’ Richtung, rechnete sich dem liberalen Judentum zu, wie die Unterschriften unter die „Richtlinien für ein Programm des liberalen Judentums“ von 1912 zeigen. Zu diesem Zeitpunkt verstand sich nur noch eine kleine Minderheit als distinktiv ‚mittlere’ Richtung.  

Das Projekt möchte auch auch der Frage nachgehen, warum das ‚positiv ‐ historische’ Judentum eine andere Richtung einschlug als das von ihr wesentlich beeinflusste Conservative Judaism in den USA

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