Kleidung, Mode und transkulturelle Identitäten in Palästina/Israel 1880-1950

Dr. Svenja Bethke

Wie wird ‚bloße’ Bekleidung zu Mode? Auf welche Weise bilden sich innerhalb einer Gemeinschaft konsensfähige Schönheitsideale heraus? Drücken diese spezifische Gruppenidentitäten, Utopien und Visionen aus? Am Beispiel der Region Palästina, in der 1948 der Staat Israel gegründet wurde, will Svenja Bethke diesen Fragen nachgehen. Das Gebiet eignet sich für eine solche Untersuchung in besonderer Weise, weil dort sehr unterschiedliche Vorstellungen von Ästhetik, angemessener Kleidung und Schönheitsidealen aufeinandertrafen. Dem Projekt liegt die Annahme zugrunde, dass diese sowohl mit den unterschiedlichen Sozialisationen der Einwanderer in ihren jeweiligen Herkunftsländern als auch mit ihren divergierenden Visionen im Hinblick auf die neue Heimat zusammenhingen. Zudem wirkten die spezifischen Kleidungs- und Schönheitsvorstellungen der osmanischen und britischen Autoritäten vor Ort auf die Kleidungsgewohnheiten ein. Vor der Staatsgründung Israels hatten sich ‚offizielle’ zionistische Vorstellungen im Hinblick auf Kleidung und Ästhetik noch nicht verfestigt. Das ließ Spielräume für nebeneinander bestehende und sich gegenseitig beeinflussende Moden. Zudem führte die materielle Not der Einwanderer dazu, dass mitgebrachte Kleidungsstücke noch lange Zeit getragen wurden. Dabei kamen die europäischen Einwanderer, wie auch ihre Kleidung, meist aus einem städtischen Milieu. In Palästina waren sie jedoch als jüdische Siedler in der Landwirtschaft tätig. So arbeiteten beispielsweise Ende des 19. Jahrhunderts aus Osteuropa eingewanderte jüdische Frauen barfuß, aber in eleganten rüschenbesetzten Kleidern, die sie aus dem Russischen Reich mitgebracht hatten, auf den Feldern nahe den neuen Siedlungen. Ihre Männer trugen den Fes aus dem Osmanischen Reich oder Beduinentücher auf ihren Köpfen, inspiriert von der arabischen Bevölkerung, die – anders als die Einwanderer aus Osteuropa – ihre Kleidung dem heißen Klima angepasst hatte. Die Adaption ging jedoch über das Kopieren zweckmäßiger Kleidungsstücke hinaus, denn orientalische Einflüsse gelangten auch über Stoffe, die z.B. auf Reisen nach Alexandria erworben wurden, nach Palästina und prägten mitunter die selbst geschneiderte Kleidung der jüdischen Einwanderer. Begehrt waren gleichzeitig französische Modezeitschriften, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit monatelanger Verzögerung in den gerade entstehenden urbanen Zentren wie Jaffa in Palästina eintrafen. 

In dem Projekt geraten osteuropäische und deutsche Einwanderergruppen von den 1880er Jahren bis in die 1950er Jahre in den Blick. So kann zahlenmäßig ein großer Teil derjenigen erfasst werden, die die vorstaatliche jüdische Gemeinschaft des Yishuv bildeten und eine bedeutende Rolle bei der Verhandlung nationaler Identitätsentwürfe im Rahmen des Staatsbildungs-Prozesses spielten. Mit einem Schwerpunkt auf visuellen Quellen rücken (Selbst-)Identifikationen, Kategorisierungen, Selbstverständnisse und Zugehörigkeitsgefühle der in Palästina/Israel lebenden Menschen in den Fokus, womit ein neuartiger Blick auf die Migrationsgeschichte und die Geschichte der Staatswerdung in der Region geworfen werden kann.

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