PD Dr.-Ing. habil. Ulrich Knufinke M.A.

Dr. Ulrich Knufinke ist seit 1. Januar 2017 mit seiner Forschungsarbeit beim IGDJ angebunden
Email: u.knufinke@gmx.de


Jüdische Wege in die Architektur. Deutsch-jüdische Architekten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für drei Jahre (2017-19) geförderte Projekt erforscht die Wege von Jüdinnen und Juden in das Berufsfeld Architektur im Deutschen Reich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihrer Vorgeschichte im 19. Jahrhundert bis in die Zeit der Verfolgung und der Emigration ab 1933. Im Fokus stehen die Ausbildungs- und Professionalisierungswege der jüdischen Architekten in der Phase der 1920er Jahre. Die Generation der in den 1880er Jahren Geborenen, die in den letzten Jahren des Kaiserreichs ihre Ausbildung absolvierten und oft erste berufliche Erfolge erzielten, war für die Entwicklung der Architektur im 20. Jahrhundert von herausragender Bedeutung. Zahlreiche Architekten jüdischer Herkunft hatten, so wurde es schon zeitgenössisch bemerkt, daran Anteil.

Professionsgeschichtliche Fragen, die auch im Kontext der allgemeinen Architekturgeschichte betrachtet werden sollen, leiten das Vorhaben: Welche Zugänge wählten junge Juden zum Berufsfeld Architektur, vor welchem persönlichen und familiären Hintergrund und mit welchen Zielen? Wo erfolgte die Professionalisierung (praktische Ausbildung, Studium)? Gab es spezifische Netzwerke unter jüdischen Architekten; wie waren sie mit ihren nicht-jüdischen Kollegen an Ausbildungsstätten, in Fachverbänden und Vereinen verbunden? Welche Rolle spielten die Beziehungen zwischen Architekten und Auftrag- und Arbeitgebern? Welche Aufträge erhielten jüdische Architekten und wie positionierten sie sich in den zeitgenössischen Architekturdebatten? Schließlich: Welche Wege des Austauschs gab es über die Grenzen des Deutschen Reichs hinaus, und wie wurden diese Beziehungen in der Phase der Verfolgung und Vernichtung nach 1933 wirksam? Welche Wege nahmen jüdische Architekten im Exil bzw. in der Emigration, vor allem in Palästina/Israel, in den USA und in europäischen Ländern?

Die Erforschung von Professionalisierung, Architektur und Markt erfordert ein Herangehen, das sowohl biographische und zeithistorische wie auch institutionengeschichtliche und architekturhistorische Aspekte berücksichtigt. Für die „Gruppe“ der jüdischen Architekten kommt als wesentliche Frage jedoch die nach Selbst- oder Fremdzuschreibungen jüdischer Identitäten hinzu. Sie stellt sich sowohl für die Zeit vor 1933 als auch für die Phase der Verfolgung und der Emigration. Eine Betrachtung der Wege deutsch-jüdischer Architektinnen und Architekten in die und in der Emigration ermöglicht Rückschlüsse auf deren Weiterwirken in der Zeit nach 1933 bzw. 1945 und damit auf den internationalen Architekturtransfer in der Moderne des 20. Jahrhunderts.

Projektverantwortlicher: PD Dr. Andreas Braemer

Zur Person:

Ulrich Knufinke studierte Germanistik (Magister Artium 1997) und Architektur (Diplom-Ingenieur 2001) an der Technischen Universität Braunschweig. Seit 1997 arbeitete er an verschiedenen Forschungsprojekten an der TU Braunschweig, u.a. 2006-08 zur Architekturgeschichte der Synagogen in Deutschland seit 1945. 2005 erfolgte die Promotion zum Dr.-Ing. mit dem Thema „Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland“. Nach Lehraufträgen an der TU Braunschweig und an der Universität Potsdam/Abraham Geiger Kolleg Berlin habilitierte er sich 2014 an der Universität Stuttgart mit „Beiträgen zur jüdischen Architektur“, seitdem ist er dort Privatdozent. Für das Sommersemester 2017 wurde er zum LFUI Guest Professor an der Universität Innsbruck berufen.

Ulrich Knufinkes Forschungsschwerpunkte sind die Architekturgeschichte jüdischer Gemeindeeinrichtungen, jüdische Architekten, sakrale Architektur und die Geschichte des Bauens vom Klassizismus bis in die Gegenwart sowie die Grenzbereiche zwischen Architektur, Literatur und Kunst.

Seit 2009 arbeitete Knufinke freiberuflich als Kurator kulturhistorischer und architekturbezogener Ausstellungen; zuletzt: „Von Wolfenbüttel nach New York. Eine amerikanische Ausstellung über die Wissenschaft des Judentums“ in Kooperation mit dem Leo Baeck Institute New York am Braunschweigischen Landesmuseum, 2016/17, und „Hildesheim im Mittelalter. Die Wurzeln der Rose“ im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, 2015.

Derzeit ist Knufinke Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Technische Universität (TU) Braunschweig, und am Institut für die Geschichte der Deutschen Juden für das DFG-Projekt „Jüdische Wege in die Architektur. Deutsch-jüdische Architekten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“.

Publikationen (Auswahl):

Synagogen in Deutschland seit 1945. M. e. Vorw. v. Salomon Korn. Publiziert auf: www.zentralratdjuden.de

ACHTUNG modern! Architektur zwischen 1960 und 1980. Hg., mit Norbert H. Funke. Petersberg 2017.

Objekt und Schrift. Beiträge zur materiellen Kultur des Jüdischen. Hg., mit Katrin Keßler, Alexander von Kienlin und Sarah M. Ross. Braunschweig 2016.

Die Dinge der Synagoge. In: Riemer, Nathanael (Hg.): Einführungen in die Materiellen Kulturen des Judentums. Wiesbaden 2016, S. 151-172.

Massentheater – auratische Orte der Moderne? In: kritische berichte 44 (2016), H. 1, S. 174-184.

Hildesheim im Mittelalter. Die Wurzeln der Rose. Hg., mit Regine Schulz, Markus C. Blaich und Karl Bernhard Kruse. Hildesheim 2015.

Jewish Ways to Architecture between Weimar Republic, National Socialism and Emigration: Questions for Future Interdisciplinary Research in the Field of Jewish Architecture. In: Keßler, Katrin, und Alexander von Kienlin (Hg.): Jewish Architecture. New Sources and Approaches. Petersberg 2015, S. 151-159 (mit Sylvia Necker).

Architektur und Erinnerung: Synagogenbau in Deutschland nach der Shoah. In: Kappel, Kai, und Matthias Müller (Hg.): Geschichtsbilder und Erinnerungskultur in der Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts. Regensburg 2014, S. 93-108.

Bauhaus: Jerusalem. Tel Aviv 2012.

Architekturdarstellungen in der expressionistischen Lyrik. In: von Orelli-Messerli, Barbara (Hg.): Ein Dialog der Künste. Beschreibungen von Architektur in der Literatur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Petersberg 2012, S. 155-163.

Emanuel Bruno Quaet-Faslem (1785-1851). Ein Architekt des Klassizismus. Nienburg/Weser 2010.

Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland. Petersberg 2007.